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harald gsaller / toni kleinlercher

read the signs / blossom traces

blossom traces  read the signs

Toni Kleinlercher, blossom traces, Foto © Harald Gsaller                                Harald Gsaller, read the signs, Foto © Harald Gsaller

blossom traces      read the signs

private viewing 02 , Installationsansicht, atelier keinlercher/Kosai, Foto © Harald Gsaller


Essay zur Ausstellung PRIVATE VIEWING 02 von Thomas Raab

Sterbebegleitung für die Myriaden Dinge und das Nichts (2019)

Der sagt: “Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt”: hat der nicht immerhin ein Sach, ein Ich, sie gestellt zu haben, eine Grammatik, einen Sinn, mit ihrer Hilfe an den Mann zu bringen?
Oswald Wiener


Ein zum Kalauer geronnenes Diktum aller fernöstlichen Religionen ist, dass die Dinge, die wir wahrnehmen oder denken, zwar viele – namentlich in der Übersetzung bisweilen “Myriaden” – sind, aber nicht unabhängig voneinander und – im Buddhismus jedenfalls – auch nicht in der Zeit fixiert existieren. So kann man durch einsichtiges Verhalten heute bereute Taten in der Vergangenheit buchstäblich verändern, d.h. die karmische Kausalwirkung geht vorwärts und rückwärts. In diesem Sinn heißt es im am meisten verdichteten Sutra des Mahayana: “was immer Form ist, das ist Leerheit, was immer Leerheit ist, das ist Form”.

Ich nenne solch bedeutsam scheinende Einsichten “No-na-Erlebnisse”, weil sie wie “Aha-Erlebnisse” echte Einsichten sind und vielleicht auch dieselben Hormonausschüttungen bewirken, bloß sind sie trivial und nicht anwendbar. Sie sind “nur schön”. Die genannte bedeutet nicht mehr, als dass es vom mechanistischen, d.h. nicht mit einem Ich identifizierten Standpunkt aus keine unabhängigen Dinge und daher keinen objektivierbaren Wert der Dinge und damit auch keinerlei Bedeutung geben kann (Wiener). No na! Indessen geht es in der fernöstlichen Religion nicht um festhaltbare Einsichten, sondern die Verfleischlichung dieser Einsichten als automatisierte ethische Einstellung am eigenen Leib.

Es freut mich, dass Toni Kleinlercher und Harald Gsaller, zweifellos im Dienste dieser Verfleischlichung, jeweils einen der beiden Aspekte – Myriaden Dinge bzw. Leerheit – der fernöstlichen Weisheit zu Kunst gemacht und zur gemeinsamen Ausstellung “read the signs / blossom traces” gebündelt haben.

Harald Gsaller erfindet, einem ethnologischen Pataphysiker gleich, daoistische Diagramme, die den Zusammenhang zwischen dem Menschen, dem Kosmos und dem Göttlichen intuitiv offenbaren (Reiter). Einem Medium gleich inszeniert er wie in priesterlicher Trance mit Zeichnungen auf dem Computer mystische Offenbarungen, bis sie zu einem stimmigen System gerinnen. Die sehr ordentlich wirkende Bürokratie der Myriaden Vorstellungen über das Übersinnliche führt gerade in ihrer Vielgestaltigkeit die Leere besonders drastisch vor Augen. Denn nicht genug, dass die originalen und von Gsaller nachvollzogenen Diagramme des Tao mystische Eingebungen darstellen, verdoppelt er diese durch seine Computer-Performance noch.

Der geburtliche Ast der Myriaden Dinge wird dadurch gleichsam gespiegelt: Dinge werden geboren, indem man sie auffasst. Die Myriaden Dinge werden hier zu zwei Myriaden Dingen, die Leerheit doppelt so leer, wodurch Gsaller im Grunde esoterisches Wissen zu einer exoterischen Vollpracht auffaltet (Jullien). Wie sagt Buddha im Pali-Kanon so prima: “Dhamma wurde von mir gelehrt, ohne daß ich eine Unterscheidung zwischen esoterisch [mystisch] und exoterisch [argumentierend] machte; denn der Tathagata hat nicht die knickrige Faust eines Lehrers mit Bezug auf Geisteszustände” (Conze). Auch Gsaller hat sie nicht.

Das Aufhören der verdoppelnden Auffassung und damit den in die Leerheit sterbenden Ast der Myriaden Dinge (wobei jeder Abstieg ein Aufstieg ist und umgekehrt, weil die große Maschine niemals stoppt) thematisiert Toni Kleinlercher mit seinen “Blumenmorden”, gewissermaßen einem Gegenteil von Ikebana. Die Intuition, wie der Künstler mit der jeweiligen Blume ohne ästhetische Absicht verfährt, wird durch die Wiederholung der Handlung ganz westlich zu einer Technik gemacht, mit der sich Serien herstellen lassen. Der “geschmacklosen” (im Sinne von “neutralen”) Wabi-Sabi- Ästhetik des spontan Unfertigen, wiewohl lange Zeit durch “innere” Sammlung Vorbereiteten (Juniper) folgend, ringt er durch die Gewaltanwendung an den Blumen, die er zuvor selbst züchtete, den Bildern zudem einen avantgardistisch westlichen Geschmack ab. Vorausgesetzt man hat die Ressourcen, muss das Neue her, um das äquivalente Alte töten (Raab). Töte die Geschichte, so wirst du selbst Geschichte – in diesem Fall der Kunst.

Kleinlercher formiert die Leere also nicht wie Gsaller durch Inflation, sondern durch psychologische Deflation. Außer dem Willen zum Werk tragen die Werke keine weiteren Spuren seines Willens. Denn auch die Gewalt, die den Blumen durch Tötung auf dem Blatt Papier zuteil wird, ist letztlich durch eine unpersönliche Kausalkette motiviert. Erst die Hochstilisierung der Gewalt durch die westlich individualisierende Auffassung erzeugt noch mehr Gewalt, suggeriert sie doch, man könne etwas an der Leerheit und damit am Lauf der Dinge ändern.

Dies ist nicht möglich. Und dennoch ist nicht alles egal, denn wir können uns selbst zu Einsichten zwingen und so in die große Maschine eingreifen. Eine schönere Sterbebegleitung für die Myriaden Dinge und die Leerheit habe ich lange nicht mehr gesehen.

Conze, E., 1957. Im Zeichen Buddhas. Frankfurt: Fischer.
Jullien, F., 2010. Über das Fade: Eine Eloge zu Denken und Ästhetik in China. Berlin: Merve. Juniper, A., 2003. Wabi sabi: the Japanese art of impermanence. North Clarendon: Tuttle. Raab, T., 2008. Avantgarde-Routine. Berlin: Parodos.
Reiter, F.C., 2000. Taoismus zur Einführung. Hamburg: Junius.
Wiener, O., 1981. 0. In: ders., Schriften zur Erkenntnistheorie. Wien: Springer 1996, 57-68.



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Harald Gsaller, read the signs,
Foto © Harald Gsaller

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Toni Kleinlercher, blossom traces, Foto © Harald Gsaller



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